17.08.2026 Pressemitteilung - Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Eine über sieben Jahrzehnte laufende Langzeitstudie unter der Leitung von Senckenberg-Forscher Dr. Thomas Gregor zeigt, wie sich Waldflächen nach einem Kahlschlag entwickeln können. Auf drei eng benachbarten Untersuchungsflächen nahe der Ortschaft Schlitz in Oberhessen nahm die Pflanzenvielfalt im Laufe der Jahrzehnte insgesamt deutlich ab, wobei insbesondere nährstoffarme Waldarten verschwanden.
Als wichtige Ursachen sehen die Forschenden die zunehmende Beschattung und Nährstoffanreicherung. Zugleich zeigt die neu im Fachjournal „Phytocoenologia“ veröffentlichte Studie, dass alte Wälder nicht nur für die Artenvielfalt bedeutsam sind, sondern auch langfristig große Mengen Kohlenstoff speichern können.
Wie verändern sich Wälder über Jahrzehnte? Welche Folgen haben Kahlschläge und was bedeuten sie für die Artenvielfalt der Zukunft? Senckenberg-Forscher Dr. Thomas Gregor ist diesen Fragen gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Walter Seidling, einem Wissenschaftler des Thünen-Instituts, in einer Langzeitstudie in Osthessen nachgegangen. „Unsere Studie hat eine lange Historie“, erzählt Gregor, heute ehrenamtlicher Mitarbeiter am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Bereits 1951 und 52 wurde der Wald pflanzensoziologisch untersucht. Daraus entstand die Idee, auf einer gerodeten Fläche zu beobachten, welche Vegetation sich ohne forstliche Bewirtschaftung entwickelt. Entgegen der Erwartung des damaligen Forstamtsleiters Gothe siedelten sich trotz benachbarter Kiefernforste keine Kiefern an. Drei Untersuchungsflächen im Bereich des Kahlschlags und im angrenzenden Eichenwald wurden von 1951 bis 1976 regelmäßig erfasst, vor allem von der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie in Bad Godesberg. Danach gerieten sie für 13 Jahre in Vergessenheit – kein ungewöhnliches Schicksal für Dauerbeobachtungsflächen. 1992 wurden die Flächen von uns wiederentdeckt und seither in Abständen von ein bis vier, teilweise bis zu sieben Jahren erneut untersucht.“
In ihrer neuen Studie haben die beiden Forscher die Entwicklung der Pflanzenzusammensetzung auf den drei Flächen über einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten ausgewertet. Die Gesamtzahl der nachgewiesenen Pflanzenarten war zu Beginn der Beobachtungen im Jahr 1951 mit knapp 50 Arten über alle drei Untersuchungsflächen hinweg am höchsten. Bis in die 1970er-Jahre wies der Wald-Altbestand (Fläche A) durchgehend die höchste Artenzahl auf. In den folgenden Jahren war zeitweise Fläche C artenreicher, bevor schließlich Fläche B die höchste Artenzahl erreichte. Insgesamt nahm auf allen Flächen die Vielfalt der Pflanzenarten deutlich ab. „Auf allen drei Untersuchungsflächen verschwanden im Verlauf der Jahrzehnte sämtliche für nährstoffarme Wälder charakteristische Arten. Dies spricht für eine zunehmende Nährstoffanreicherung an den Standorten. Zusätzlich veränderte die Einwanderung des Kleinen Springkrauts, Impatiens parviflora, die Artenzusammensetzung“, erläutert der Frankfurter Botaniker und spricht weiter: „Heute zeigt sich auf allen drei Flächen eine artenarme und vergleichsweise stabile Vegetation, die von einem konstanten Kernbestand an Buchenwaldarten und weiteren schattentoleranten Arten geprägt ist.“
Auch mit Blick auf die Kohlenstoffspeicherung zeigen sich Unterschiede zwischen dem alten Waldbestand und den Flächen, die nach einem Kahlschlag der natürlichen Wiederbewaldung überlassen wurden. Alte Wälder speichern große Mengen Kohlenstoff sowohl in ihrer lebenden Biomasse als auch im Boden und können diesen über lange Zeiträume binden. Nach einem Kahlschlag wird dagegen zunächst Kohlenstoff freigesetzt, während sich neue Kohlenstoffvorräte erst im Zuge der Wiederbewaldung allmählich aufbauen. „Alte Wälder sind daher nicht nur für die Artenvielfalt von großer Bedeutung, sondern erfüllen auch eine wichtige Funktion im Kohlenstoffhaushalt. Die langfristige Entwicklung der drei Untersuchungsflächen zeigt zugleich, dass eine natürliche Wiederbewaldung zwar zu einem neuen Waldbestand führen kann, die ursprünglichen Eigenschaften eines alten Waldes aber nicht kurzfristig ersetzt“, erläutert Gregor.
Die Studie unterstreicht, dass alte Wälder auch heute noch eine wichtige Funktion als Kohlenstoffspeicher erfüllen können. Zugleich verdeutlichen die Ergebnisse, dass sich Waldbestände und Bodenvegetation nach einem Kahlschlag selbst auf eng benachbarten Flächen unterschiedlich entwickeln. Neben der zunehmenden Beschattung dürfte insbesondere die Eutrophierung, also die Anreicherung von Nährstoffen, ein wesentlicher Treiber der langfristigen Veränderungen der Bodenvegetation sein, so die Forschenden. Die Langzeitbeobachtungen aus Osthessen zeigen damit exemplarisch, wie sich die Wälder der Region über Jahrzehnte verändern und welche langfristigen Folgen Eingriffe in den Wald haben können. „Auch wenn sich unsere Ergebnisse nicht unmittelbar verallgemeinern lassen, liefern sie eine wertvolle Ergänzung zu großräumigen Studien mit zahlreichen Untersuchungsstandorten“, schließt Gregor.
Zum Original-Beitrag: Langzeitcheck- Was nach dem Kahlschlag geschieht
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