Wald und (Rot-)Wild weiterdenken

28.03.2024 Pressemitteilung - Staatsbetrieb Sachsenforst

Jagdschulatlas Magazin - Wald und (Rot-)Wild weiterdenken
(Foto: Staatsbetrieb Sachsenforst)

Rotwild − so der Name für Rothirsche in der Jägersprache − kann einen entscheidenden Einfluss auf die Waldentwicklung haben: Insbesondere zu viele der imposanten Tiere können durch das Abnagen von Rinde oder das Abfressen junger Bäume den dringend notwendigen Waldumbau gefährden. Wie es gelingen kann, Wald und Rotwild gemeinsam zu erhalten und den notwendigen Waldumbau zu sichern, zeigt ein umfangreiches Forschungsprojekt von Sachsenforst und der Technischen Universität Dresden.

Kernelement für eine nachhaltige Lösung ist ein professionelles Jagdmanagement, das Wald und Wild gemeinsam vital erhält. Hinzu kommen zahlreiche weitere flankierende Maßnahmen. Als größter Flächenverwalter des Freistaates trägt Sachsenforst eine besondere Verantwortung für den sächsischen Staatswald und die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten − mit dem Rotwild auch für das größte freilebende Wildtier in Sachsen. Die Ergebnisse aus sieben Jahren intensiver Untersuchungen wurden jetzt in einem umfangreichen Bericht veröffentlicht und stehen im Internet zur Verfügung.

Ausgangspunkt des 2016 gestarteten Forschungsprojektes waren anhaltend hohe Schäden durch Rotwild in Staatswaldgebieten insbesondere in mehreren Erzgebirgsregionen. »Wir untersuchen den Einfluss des Wildes auf den Staatswald im Rahmen unseres Wildwirkungsmonitorings regelmäßig«, erläutert Dr. Dirk-Roger Eisenhauer, Leiter des Kompetenzzentrums Wald und Forstwirtschaft von Sachsenforst, die Hintergründe. »Bei den Erhebungen, die unserem Projekt vorausgingen, mussten wir damals zum wiederholten Male feststellen, dass in einigen Gebieten im Prinzip alle Baumarten außer der Fichte durch den Wildverbiss aus der Waldverjüngung verschwanden. Hinzu kamen ausufernde Schäden durch abgeschälte Rinde, die die Wälder noch heute prägen.« Das ist ein erhebliches Problem, denn für die Anpassung der Wälder an den Klimawandel ist die Entwicklung von artenreichen Mischbestände notwendig. Eisenhauer: »Um morgen intakte Wälder vorzufinden, müssen wir das gesamte Spektrum der heimischen Baumarten für den Waldumbau nutzen.«

Grenzübergreifende Telemetrie- und Genanalysen

Zusammen mit der Professur für Forstzoologie der TU Dresden untersuchten die Fachleute von Sachsenforst seit 2016 die Situation in vier Gebieten im Staatswald im Erz- und Elbsandsteingebirge auf insgesamt 48.000 Hektar. In einer Telemetrie-Studie, bei der die Bewegung des Rotwildes mithilfe von GPS-Halsbandsendern verfolgt wird, konnte die Raumnutzung des Rotwildes präzise nachvollzogen werden. Das Team der TU Dresden hat dafür etliche Tage und vor allem auch Nächte im Wald verbracht, um an die Daten zu gelangen. Am Ende konnten mehrjährige Peil- und Aktivitätsdaten von 46 besenderten Tieren ausgewertet werden.

»Die Telemetrie-Ergebnisse unterstreichen noch einmal ganz deutlich, dass das Rotwild in unserer Region zwar sehr standortstreu lebt, aber eben Staatsgrenzen für die Tiere keinerlei Rolle spielen«, erklärt Projektleiter Eisenhauer. So wurde das Rotwild zwar ausschließlich in Sachsen besendert, ein Viertel der Fläche, die die Tiere mit Senderhalsband nachweislich nutzten, lag allerdings auf tschechischem Gebiet. Wo immer möglich, wurden die Analysen deshalb auf das betroffene Gebiet der Tschechischen Republik ausgedehnt. So wurden beispielsweise Landnutzungsdaten aus dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus genutzt. Der gute Kontakt zu tschechischen Forschungseinrichtungen ermöglichte darüber hinaus eine grenzübergreifende Auswertung von Jagdstreckendaten.

Deutlich verbesserte Datengrundlage

Zudem wurden unterschiedliche Verfahren geprüft, um Größe und Struktur des Rotwildvorkommens in den Untersuchungsgebieten zu ermitteln. Neben Wildkameras setzte das Team der TU Dresden hierzu unter anderem auch Wärmebildgeräte ein. Zur exakten Altersbestimmung wurden Zahnschnitte erlegter Tiere analysiert. Die umfangreichen Untersuchungen liefern für das Rotwildmanagement in Sachsen eine deutlich verbesserte Datengrundlage. »Derart umfangreiche Analysen zu Populationsdichten und Geschlechterverhältnissen sind auch bundesweit schon etwas Besonderes«, unterstreicht Dr. Norman Stier vom Team der TU Dresden.

Im Kompetenzzentrum für Wald und Forstwirtschaft konzentrierten sich die Arbeiten auf Laboruntersuchungen zur genetischen Konstitution der Rotwildpopulationen sowie auf Analysen des Wildeinflusses, des Waldzustandes und der Landschaftsstruktur. Ab 2018 wurde in Teilen der Untersuchungsgebiete zudem ein zoniertes Intervalljagdprojekt erprobt. Dabei erfolgte die Bejagung des Rotwildes zeitlich und räumlich differenziert, um das Wild einerseits möglichst wenig zu beunruhigen und andererseits eine effiziente Bestandsregulierung zu realisieren.

Win-Win-Situation für Wald und Wild

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes zeigen, dass in den Untersuchungsgebieten teils sehr prägnante, sich gegenseitig beeinflussende Unterschiede hinsichtlich der Dichte und Struktur der Rotwild-Teilpopulationen, beim Wildeinfluss und bei der Landschafts- und Waldstruktur bestehen. Daraus lassen sich allgemein übertragbare Muster ableiten, beispielsweise hinsichtlich der Raumnutzung des Rotwildes oder der Ursachen für die Entstehung von Wildschäden in einem Maß, das für die Entwicklung von Wald als Teil einer funktionierenden Kulturlandschaft nicht tolerierbar ist. »Das Beziehungsgefüge Wald – Wild – Mensch in unserer heutigen Kulturlandschaft ist hochkomplex«, erläutert Eisenhauer. »Um die richtigen Schlüsse zu ziehen, sind umfassende Daten, wie sie im Rahmen dieses Projektes erhoben wurden, unentbehrlich. Wir haben darauf aufbauend konkrete Empfehlungen für die Praxis abgeleitet.«

Kernelement für eine nachhaltige Lösung ist ein professionelles Jagdmanagement, bei dem die Effizienz steigt und dadurch die Störung des Wildes durch die Jagd deutlich minimiert wird. Eine konsistent und großflächig abgestimmte Bejagung mit räumlich-zeitlicher Entkopplung der bejagten Bereiche und moderne Jagdmethoden können die Wildbestände effektiv und störungsarm so anpassen, das Wald und Wild gemeinsam vital bleiben. Ein wichtiger Punkt ist dabei der weitgehende Verzicht auf die Bejagung auf Offenlandflächen im Wald − zum Beispiel Waldwiesen −, die von Rotwild stark bevorzugt werden.

Zäune und Schutzmaßnahmen für einzelne Bäume hingegen bieten auf großen Flächen ökologisch wie wirtschaftlich keine nachhaltige Lösung: Sie sind waldfremd und reduzieren den nutzbaren Lebensraum für viele Tierarten. »Diese Schutzmaßnahmen sind aufwendig, teuer, störanfällig, kaum in der notwendigen Intensität kontrollierbar und erlauben keinesfalls den flächendeckenden Waldumbau«, verdeutlicht Eisenhauer. Die Ergebnisse des Projekts zeigen aber gerade, dass mit einem konsequent verfolgten, großräumigen Waldumbau grundsätzlich auch die Lebensraumqualität für viele Wildtiere einschließlich des Rotwildes erheblich verbessert wird. »Die Wildtiere finden in strukturreichen Mischwäldern ein natürliches Nahrungsangebot und Deckungsmöglichkeiten, die zuvor in monotonen Reinbeständen nicht vorhanden waren«, so Eisenhauer. »Eine Win-Win-Situation für Wald, Tier und Mensch.«

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